<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0"><channel><title><![CDATA[Tribalismus]]></title><description><![CDATA[<p dir="auto">Das Wort <em>Tribalismus</em> wird heute fast ausschließlich als Vorwurf verwendet. Wer tribalistisch denkt, ist rückständig, unfähig zur Differenzierung, gefangen in der eigenen Blase. Der Begriff hat sich in politischen Debatten festgesetzt als Diagnose für alles, was mit gruppenbezogener Identität, Lagerdenken und Feindseligkeit zu tun hat.</p>
<p dir="auto">Diese Verwendung ist nicht falsch. Aber sie ist unvollständig. Und die Unvollständigkeit hat Folgen.</p>
<p dir="auto">Tribalismus kommt vom lateinischen <em>tribus</em> – Stamm. Ein Stamm ist zunächst nichts Schlechtes. Er ist die älteste soziale Form des Menschen. Kleine Gruppen von Menschen, die einander kennen, gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten, sich gegenseitig helfen. Menschen haben Zehntausende von Jahren so gelebt, und für den größten Teil unserer Geschichte war das die einzige Form, in der wir überhaupt existiert haben.</p>
<p dir="auto">Wer den Begriff nur negativ verwendet, hat entweder diese Geschichte vergessen oder sie nie gelernt. Das ist keine Rehabilitation des Wortes. Es ist eine schlichte Feststellung: Der Begriff trägt beide Bedeutungen in sich, weil das Phänomen zwei Seiten hat.</p>
<h2>Was der Vorwurf trifft</h2>
<p dir="auto">Der heutige Vorwurf zielt auf ein reales Phänomen. Es gibt tatsächlich politische Bewegungen, die Zugehörigkeit über Argument stellen. Es gibt tatsächlich Debatten, in denen die Frage <em>auf welcher Seite stehst du</em> wichtiger ist als die Frage <em>was ist wahr</em>. Es gibt tatsächlich Menschen, die andere nicht mehr als Individuen wahrnehmen, sondern nur noch als Vertreter einer Gruppe – und diese Gruppe dann pauschal bekämpfen oder verherrlichen.</p>
<p dir="auto">Das ist gefährlich, und die Kritik daran ist berechtigt.</p>
<p dir="auto">Aber was hier kritisiert wird, ist nicht Tribalismus im ursprünglichen Sinn. Es ist etwas anderes: eine <em>abstrakte</em> Form von Zugehörigkeit, die die Bindungsfunktion des Stammes übernimmt, ohne dessen Wirklichkeit zu haben.</p>
<p dir="auto">Ein Stamm im ursprünglichen Sinn besteht aus Menschen, die einander kennen. Man weiß, wer der andere ist, was er kann, was er getan hat, ob man ihm trauen kann. Die Bindung basiert auf Erfahrung. Das <em>Wir</em> ist konkret.</p>
<p dir="auto">Was heute meistens als Tribalismus kritisiert wird, funktioniert genau umgekehrt. Menschen fühlen sich Millionen anderer Menschen zugehörig, die sie nicht kennen und nie kennen werden. <em>Die Linken</em>, <em>die Konservativen</em>, <em>die Woken</em>, <em>die Männer</em>, <em>die Frauen</em>, <em>die Weißen</em>, <em>die BIPOC</em> – das sind keine Stämme. Das sind imaginäre Kollektive. Sie haben die emotionale Kraft der Zugehörigkeit, aber keine Substanz. Niemand kennt seinen Stammesbruder.</p>
<p dir="auto">Und weil die Substanz fehlt, weil das Innen nicht konkret gefüllt ist, muss die Zugehörigkeit anderweitig konstituiert werden – meistens durch das Außen. Man weiß nicht genau, wer die eigene Seite ist, aber man weiß genau, wen man bekämpft. Das Feindbild wird zur einzigen verbleibenden Konkretion.</p>
<p dir="auto">Das ist die spezifische Perversion des modernen Tribalismus: Er hat die Bindungsfunktion des Stammes ohne die Beziehungen, aus denen sie ursprünglich hervorging.</p>
<h2>Was der Vorwurf verfehlt</h2>
<p dir="auto">Wenn man Tribalismus pauschal ablehnt, gerät auch die konkrete Form ins Visier – jene Form, ohne die menschliches Leben nie funktioniert hat und nie funktionieren wird.</p>
<p dir="auto">Familien sind tribalistisch. Sie bevorzugen die eigenen Kinder. Wer das nicht tut, gilt zu Recht als kalt.</p>
<p dir="auto">Freundeskreise sind tribalistisch. Sie haben ein Innen und ein Außen. Man verbringt Zeit mit den Freunden, nicht mit Fremden.</p>
<p dir="auto">Nachbarschaften sind tribalistisch. Man hilft dem Nachbarn eher als jemandem, der drei Städte weiter wohnt.</p>
<p dir="auto">Vereine, Kooperativen, Kommunen, Werkstätten – alles Formen, in denen ein <em>Wir</em> existiert, das nicht mit <em>allen</em> identisch ist. Sie sind exklusiv im Wortsinn: Sie schließen ein, was heißt, sie schließen anderes aus. Und das ist keine Schwäche. Es ist die Bedingung ihrer Existenz.</p>
<p dir="auto">Wer eine Kooperative aufbaut, entscheidet, wer Mitglied wird und wer nicht. Wer eine Kommune gründet, konstituiert sich als <em>diese</em> Kommune. Wer eine Nachbarschaftshilfe organisiert, weiß, wer zur Nachbarschaft gehört. Ohne diese Grenzziehung gäbe es keine Kooperative, keine Kommune, keine Hilfe – nur ein diffuses Nichts, in dem sich keine Handlung mehr konkret verorten lässt.</p>
<p dir="auto">Und hier setzt die anarchistische Perspektive ein: <strong>Autonomie ist ohne Grenze nicht denkbar.</strong> Eine Gruppe ohne Grenze ist nur ein Teil eines größeren Systems, das über sie hinweg entscheidet. Die Fähigkeit, ein Innen zu bilden, ist die Voraussetzung für Selbstbestimmung.</p>
<h2>Der Kontrast: Staat und Kapital</h2>
<p dir="auto">Es gibt eine dritte Ebene, die den Vergleich schärft. Der Staat und das Kapital arbeiten strukturell <em>gegen</em> das Prinzip konkreter Beziehungen. Sie schaffen Beziehungen zu Institutionen, zu Nummern, zu Marken, zu Abstraktionen.</p>
<p dir="auto">Der Bürger als solcher existiert nicht – er ist eine Rechenkategorie. Der Konsument existiert nicht – er ist eine Marktposition. Wer nur noch mit Institutionen zu tun hat, hat keine Menschen mehr um sich, sondern Funktionen.</p>
<p dir="auto">Man hat kein Verhältnis zum Finanzamt. Man erhält Bescheide. Man hat kein Verhältnis zur Krankenkasse. Man reicht Anträge ein. Man hat kein Verhältnis zum Konzern, bei dem man einkauft. Man ist eine Nummer im Datensatz.</p>
<p dir="auto">Das ist die spezifische Entfremdung des Massensystems: Beziehungen zu Menschen werden durch Beziehungen zu Abstraktionen ersetzt.</p>
<p dir="auto">Und hier liegt eine der Wurzeln des abstrakten Tribalismus. Wenn die konkreten Beziehungen wegfallen, entsteht ein Vakuum. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht Zugehörigkeit. Wenn er sie nicht mehr konkret findet, sucht er sie abstrakt – in imaginären Kollektiven, die keine Beziehungen haben, aber wenigstens Zugehörigkeitsgefühl produzieren. Der abstrakte Tribalismus ist nicht die Ursache der Entfremdung. Er ist ihre Folge.</p>
<h2>Perspektive und Kontext</h2>
<p dir="auto">Damit wird auch klar, warum der Begriff <em>Tribalismus</em> ambivalent bleiben muss. Er beschreibt eine Grundtatsache menschlicher Sozialität – dass Menschen in Gruppen leben, die ein Innen und ein Außen haben. Diese Tatsache ist weder gut noch schlecht. Sie ist.</p>
<p dir="auto">Ob eine konkrete Ausprägung positiv oder negativ zu bewerten ist, hängt vom Kontext ab. Eine Nachbarschaft, die zusammenhält, kann eine Kraft der gegenseitigen Hilfe sein oder ein Bollwerk gegen Fremde. Ein Verein kann ein Raum der Selbstverwaltung sein oder eine Ausschlussmaschine. Eine politische Bewegung kann eine Bindung an Prinzipien pflegen oder in Lagerdenken verfallen.</p>
<p dir="auto">Es gibt keine Formel, die diese Fälle vorab entscheidet. Es gibt Fragen, die man stellen kann.</p>
<p dir="auto">Beruht die Zugehörigkeit auf Erfahrung oder auf Zuschreibung? Kennt man die anderen Mitglieder, oder gehört man einer Kategorie an? Ist die Grenze durchlässig – kann jemand dazukommen, kann jemand gehen? Braucht das Innen ein Feindbild, um sich zu spüren, oder trägt es sich selbst? Werden Individuen als Individuen wahrgenommen, auch wenn sie außerhalb stehen?</p>
<p dir="auto">Wo die Antworten in Richtung Konkretion, Durchlässigkeit und Individualwahrnehmung gehen, dort ist der Tribalismus wahrscheinlich einer, mit dem sich leben lässt. Wo die Antworten in Richtung Abstraktion, Geschlossenheit und Kategoriendenken gehen, dort wird er problematisch.</p>
<p dir="auto">Man kann Tribalismus nicht pauschal ablehnen, ohne zugleich die Familie, die Freundschaft, die Kooperative, die Nachbarschaft abzulehnen. Und man kann ihn nicht pauschal verteidigen, ohne zugleich die Feindmarkierung, das Lagerdenken und die pauschale Verwerfung anderer Menschen zu akzeptieren.</p>
<h2>Der Begriff bleibt ambivalent</h2>
<p dir="auto">Es geht nicht darum, aus dem negativen einen positiven Begriff zu machen. Das wäre nur die Umkehrung des Fehlers, den die einseitig negative Verwendung begangen hat.</p>
<p dir="auto">Es geht darum, den Begriff präzise zu benutzen. Ihn nicht als Kampfvokabel einzusetzen, sondern als Beschreibung. Bei jeder Verwendung zu prüfen: Welche Form ist gemeint? Die konkrete, die auf Beziehungen beruht? Die abstrakte, die auf Zuschreibungen beruht?</p>
<p dir="auto">Wer das trennt, kann eine Kritik am imaginären Lagerdenken formulieren, ohne die Familie mitzukritisieren. Er kann die Bedeutung konkreter Gemeinschaften verteidigen, ohne pauschale Zugehörigkeitsideologien zu rechtfertigen.</p>
<p dir="auto">Das ist keine Wortklauberei. Das ist die Rückeroberung der Bedeutung. Und Bedeutung ist, wie jede andere Selbstermächtigung, eine Frage der Präzision.</p>
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