<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?><rss xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" version="2.0"><channel><title><![CDATA[Freiheit ist unteilbar]]></title><description><![CDATA[<p dir="auto"><em>Eine anarchistische Perspektive auf Kategorien, Tribalismus und die Verwechslung von Bewegung und Ideologie</em></p>
<hr />
<p dir="auto">Es gibt eine Grundeinsicht, die dem anarchistischen Denken zugrunde liegt und die von den meisten politischen Positionen unserer Zeit verletzt wird: Freiheit ist unteilbar. Wer Freiheit nur für die Richtigen will, nur für die eigene Gruppe, nur für die eigene Seite, hat das Prinzip der Herrschaft schon akzeptiert und will nur das Personal wechseln.</p>
<p dir="auto">Ein Anarchist verteidigt die Freiheit auch seines Gegners. Das ist keine Großzügigkeit, das ist logische Konsequenz. Wer Freiheit nur für sich oder seine Gruppe fordert, während er anderen ihre nimmt, will keine Freiheit. Er will Herrschaft. Der Anarchist dagegen will in einer freien Welt leben, nicht als Herrscher in einer unfreien.</p>
<p dir="auto">Von dieser Basis aus lässt sich vieles klar sehen, was sonst im Nebel verschwindet.</p>
<h2>Der Käfig der Kategorien</h2>
<p dir="auto">Wir leben in einer Zeit, in der politische Positionen weniger durch Argumente bestimmt werden als durch Zugehörigkeit. Man ist links oder rechts. Man ist Feministin oder Macker. Man ist woke oder rassistisch. Und je nachdem, in welche Schublade man eingeordnet wird, sind die weiteren Positionen bereits vorgegeben. Man muss sie nicht mehr durchdenken. Sie folgen aus der Zugehörigkeit.</p>
<p dir="auto">Das ist keine politische Diskussion. Das ist Tribalismus.</p>
<p dir="auto">Und Tribalismus ist die älteste, primitivste Form menschlicher Ordnung. Er teilt die Welt in <em>Wir</em> und <em>Die Anderen</em>. Das Wir ist gut, klug, moralisch. Die Anderen sind schlecht, dumm, gefährlich. Ob das Wir sich als weiß, deutsch, männlich definiert oder als queer, marginalisiert, progressiv, ist strukturell zweitrangig. Funktional ist beides derselbe Mechanismus. Beide brauchen eine Grenze. Beide brauchen ein Draußen. Beide können nicht universalistisch sein, weil ihre Existenz davon abhängt, dass eben nicht alle dazu gehören.</p>
<p dir="auto">Aus anarchistischer Sicht ist das der Kontrapunkt zu jeder Bewegung, die Freiheit ernst nimmt.</p>
<h2>Rechts und links – eine Kategorie, die nichts erklärt</h2>
<p dir="auto">Die Achse rechts/links stammt aus der französischen Nationalversammlung von 1789. Sie hatte damals eine konkrete Bedeutung: wer neben wem saß, welche Fraktion wo verortet war. Zweihundertdreißig Jahre später soll sie das gesamte politische Spektrum in einer Dimension abbilden.</p>
<p dir="auto">Das ist absurd, wenn man kurz darüber nachdenkt.</p>
<p dir="auto">Nichts in der gesellschaftlichen Welt lässt sich auf einer eindimensionalen Achse beschreiben. Positionen zu Wirtschaft, Kultur, Freiheit, Ordnung, Ökologie, Außenpolitik, Familie – all das soll in ein einziges Wort passen? Ein Mensch, der in Wirtschaftsfragen liberal ist, in Kulturfragen konservativ, in Umweltfragen radikal und in Außenpolitik pazifistisch, passt in keine der beiden Schubladen. Also wird er in eine gedrängt – meist die, in der er am unangenehmsten auffällt – und dort werden ihm die restlichen Positionen der Schublade angedichtet.</p>
<p dir="auto">Die Kategorie erzeugt die Kategorie. Sobald jemand als <em>rechts</em> markiert ist, werden ihm Eigenschaften zugeschrieben, die zum Etikett passen. Sobald jemand als <em>links</em> markiert ist, ebenso. Die Zuschreibung produziert eine Kohärenz, die es sachlich gar nicht gibt.</p>
<p dir="auto">Und die Kategorien selbst wandern. Die klassischen Liberalen des 19. Jahrhunderts galten als links, heute gelten sie als rechts – dieselben Prinzipien, andere Umgebung. Die Arbeiterbewegung war lange klar links, heute wählt die Arbeiterklasse in vielen Ländern rechts, weil die Linke sich kulturell verlagert hat und die Rechte ökonomisch. Wer sich davon irritieren lässt, hat die Kategorien für Substanz gehalten. Es waren nie Substanzen. Es waren immer nur Sitzplätze.</p>
<p dir="auto">Frag heute jemanden, was rechts oder links überhaupt bedeutet! Die Antwort wird selten eine Definition sein. Oft wird die Frage schon als Provokation empfunden. Denn die Frage entzieht dem Etikett seine Macht.</p>
<h2>Identitäre Politik als Tribalismus mit anderem Vorzeichen</h2>
<p dir="auto">Der gleiche Mechanismus zeigt sich in der identitären Politik unserer Zeit.</p>
<p dir="auto">Rasse war jahrhundertelang das Werkzeug der Rechten, um Menschen zu sortieren. Der klassische Antirassismus hat dagegen behauptet, dass Rasse keine relevante Kategorie ist. Dass die Hautfarbe nichts bedeutet. Dass Menschen einzeln zu beurteilen sind.</p>
<p dir="auto">Diese Position wird gerade verlassen – auch von großen Teilen der Linken. Rasse wird wieder eingeführt, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Aber die Kategorie selbst ist das Problem, nicht das Vorzeichen. Wer Menschen nach Rasse einteilt, um sie zu bekämpfen, und wer Menschen nach Rasse einteilt, um sie zu bevorzugen, hat sich auf dieselbe Ontologie geeinigt: dass Rasse eine reale, politisch bedeutsame Kategorie sei. Das ist derselbe Fehler.</p>
<p dir="auto">Das Gleiche gilt für das Geschlecht. Es sollte keine politische Kategorie sein. Wer heute Räume ausschließlich für bestimmte Geschlechter reserviert – nicht aus praktischen Gründen, sondern aus struktureller Feindseligkeit gegen die Ausgeschlossenen – wendet ein identitäres Prinzip an. Dasselbe Prinzip, das früher gegen Frauen angewendet wurde. Es wird nicht dadurch besser, dass sich das Vorzeichen umkehrt.</p>
<p dir="auto">Ein Cis-Mann kann friedlich, feministisch, solidarisch sein. Eine lesbische Transfrau kann ein Arschloch sein. Menschen sind Individuen. Ihre Merkmale sagen nichts Verlässliches über ihren Charakter oder ihre Positionen. Wer das leugnet, hat den Menschen schon abgeschafft, bevor er ihm begegnet.</p>
<p dir="auto">Und die Woken sind an dieser Stelle näher an den Rassisten, als sie es sich einzugestehen bereit sind. Wer <em>weiße Männer</em> als politische Kategorie behandelt, betreibt Rassismus mit anderer Adresse. Wer <em>Männlichkeit</em> als Krankheit diskutiert, hat den Bogen zurück in die Vor-Aufklärung geschlagen, in der man Menschen nach dem beurteilt, was sie sind, statt nach dem, was sie tun.</p>
<h2>Die historische Korrektur</h2>
<p dir="auto">Der Kampf um Frauenrechte wurde nicht von Frauen gegen Männer geführt. Er wurde von Menschen gegen eine Ausschlusspraxis geführt. Männer waren an vorderster Front dabei – John Stuart Mill, August Bebel, viele andere. Ohne männliche Verbündete hätte kein Wahlrecht durchgesetzt werden können, weil Männer die Parlamente stellten, die es beschließen mussten.</p>
<p dir="auto">Die nachträgliche Erzählung, es sei ein Geschlechterkampf gewesen, ist eine ideologische Vereinnahmung, die den tatsächlichen Charakter des Kampfes verfälscht. Und wäre es wirklich ein Geschlechterkampf gewesen, gäbe es die Menschheit heute nicht mehr. Männer und Frauen leben, arbeiten, lieben zusammen. Wer daraus ein Frontverhältnis konstruiert, konstruiert gegen die Empirie.</p>
<p dir="auto">Das Gleiche gilt für die Bürgerrechtsbewegung. Sie war nicht ein Kampf von Schwarzen gegen Weiße. Sie war ein Kampf von Menschen für gleiche Rechte – mit weißen Verbündeten, die manchmal ihr Leben dafür gaben. Martin Luther King hat das nie vergessen. Er hat vom Traum gesprochen, dass Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt werden. Das ist die anarchistische Grundhaltung, gekleidet in religiöse Sprache. Es ist genau nicht die identitäre Position, die heute in seinem Namen vertreten wird.</p>
<h2>Bewegung und Ideologie sind nicht dasselbe</h2>
<p dir="auto">Hier lohnt sich eine sprachliche Präzisierung, die vieles klärt.</p>
<p dir="auto"><em>Feminismus</em> ist ein Ismus – eine Ideologie. Der historische Kampf um Wahlrecht, Selbstbestimmung, Arbeitsrecht war etwas anderes: Er war Teil einer größeren Freiheitsbewegung, die zufällig entlang bestimmter Ausschlusslinien geführt werden musste, weil dort ausgeschlossen wurde. Der Kampf selbst war struktureller, nicht identitärer Natur. Er wurde ideologisch vereinnahmt – nachträglich, oder in Teilen schon während er lief.</p>
<p dir="auto">Rosa Luxemburg, Emma Goldman, Louise Michel haben nicht <em>als Frauen für Frauen</em> gekämpft. Sie haben als Menschen gegen Herrschaft gekämpft. Dass sie Frauen waren, machte sie zu Betroffenen einer bestimmten Ausschlusspraxis, aber ihr Kampf war universalistisch angelegt. Sie hätten die anarchistische Formulierung sofort verstanden: Freiheit ist unteilbar, oder sie ist keine.</p>
<p dir="auto">Der Feminismus, der Antirassismus, die Bürgerrechtsbewegung – sie alle wollten ursprünglich die Kategorien <em>auflösen</em>, nicht festigen. Sie wollten, dass Hautfarbe, Geschlecht, Herkunft keine politische Rolle mehr spielen. Wer heute genau diese Kategorien wieder ins Zentrum rückt, arbeitet gegen dieses Ziel, auch wenn er glaubt, es zu verteidigen.</p>
<h2>Die Selbstermächtigung liegt in der Sprache</h2>
<p dir="auto">Und hier kommen wir zum Kern.</p>
<p dir="auto">Die Freiheit, Worte zu wählen und zu definieren, ist ein Teil der Selbstermächtigung, der maßlos unterschätzt wird. Stattdessen verliert man sich in Wortgefechten, in denen niemand weiß, worüber eigentlich geredet wird, weil sich niemand die Mühe macht, zu überlegen, was ein Wort bedeutet.</p>
<p dir="auto">Wer die Definitionen anderen überlässt, überlässt ihnen auch das Denken.</p>
<p dir="auto">Wer <em>rechts</em> und <em>links</em> verwendet, ohne diese Wörter definiert zu haben, kann keine Position mehr präzise fassen. Er kann nur noch signalisieren, auf welcher Seite er steht. Das ist keine politische Kommunikation. Das ist Zugehörigkeitssignal.</p>
<p dir="auto">Anarchistisches Denken beginnt damit, sich diese Definitionshoheit zurückzunehmen. Sich zu fragen, was ein Wort tatsächlich bedeutet. Was es leistet und was nicht. Ob es eine Analyse ermöglicht oder eine Analyse verhindert.</p>
<p dir="auto">Kategorien lassen sich nicht immer auflösen. Manche sind nützlich, wenn man sie präzise fasst. Aber dann muss man sie präzise fassen. Man muss sie vernünftig definieren, so dass sie uns weiterbringen, statt uns in Frontstellung zu halten.</p>
<p dir="auto">Das ist harte Arbeit. Es ist unbequem. Es macht angreifbar, weil man plötzlich Positionen benennen muss, statt sie zu unterstellen. Aber es ist der einzige Weg, aus dem Käfig der Kategorien herauszukommen.</p>
<h2>Kein Ausstieg aus dem Befreiungskampf</h2>
<p dir="auto">Es geht nicht darum, den Befreiungskampf aufzugeben. Es geht darum, uns nicht immer wieder in dieselben tribalistischen und vor allem sehr primitiven Kategorien zurückfallen zu lassen.</p>
<p dir="auto">Die Unterdrückung, die eine Frau erfährt, wenn eine andere Frau sie unterdrückt, ist nicht weniger schlimm, weil das Vorzeichen stimmt. Sie ist oft schlimmer, weil die Kritik daran unter Verdacht steht. Die Ausbeutung eines schwarzen Arbeiters durch einen schwarzen Unternehmer ist nicht weniger Ausbeutung, weil die Hautfarbe passt. Die Willkür eines queeren Vorgesetzten gegenüber seinen Angestellten ist nicht weniger willkürlich, weil er zur richtigen Community gehört.</p>
<p dir="auto">Wer Macht als solche kritisieren will, muss sie in allen ihren Formen kritisieren – auch der eigenen. Wer nur die Macht der falschen Gruppe kritisiert, hat sich schon dazu entschieden, eine Machtform hinzunehmen, wenn nur das Gesicht wechselt. Das ist die anarchistische Grundunterscheidung, und sie erlaubt keine Ausnahmen aus taktischen Gründen.</p>
<p dir="auto">Der Zuruf an alle Bewegungen, die aus dem emanzipatorischen Impuls kommen, lautet deshalb: Greift nicht die Männer an, greift nicht die Weißen an, greift nicht die Rechten an. Greift die Oligarchie an. Greift die Verhältnisse an, die Menschen erlauben, andere zu beherrschen. Denn wenn dich als Frau eine Frau unterdrückt, geht es dir nicht besser. Wenn dich als Arbeiter jemand aus deiner eigenen Ethnie ausbeutet, geht es dir nicht besser. Wenn dich ein progressiver Vorgesetzter demütigt, geht es dir nicht besser. Oft geht es dir schlechter, weil du nicht einmal mehr benennen darfst, was passiert.</p>
<h2>Bob Marley hatte recht</h2>
<p dir="auto">Bob Marley hat es in einer Zeile gesagt, die schwerer wiegt als jedes politische Programm: Solange die Hautfarbe mehr bedeutet als die Augenfarbe, wird es Krieg geben.</p>
<p dir="auto">Er hat es aus der Erfahrung des Rassismus gesagt. Aber es gilt allgemein. Solange irgendein Merkmal, das ein Mensch sich nicht ausgesucht hat, politisch mehr bedeutet als das, was er tatsächlich denkt, sagt und tut – solange werden wir uns bekriegen. Solange werden wir in Wir und Die Anderen zerfallen. Solange werden wir uns gegenseitig auf Kategorien reduzieren, die zu klein sind für die Menschen, in die sie gezwängt werden sollen.</p>
<p dir="auto">Der Ausweg ist nicht schwer zu beschreiben, aber schwer zu gehen. Er besteht darin, jeden Menschen einzeln zu adressieren, jede Aussage einzeln zu prüfen, jede Kategorie zu befragen, bevor man sie benutzt. Das ist anstrengend. Es macht die Politik langsamer. Es nimmt uns das Vergnügen, uns überlegen zu fühlen, weil wir zur richtigen Seite gehören.</p>
<p dir="auto">Aber es ist der einzige Weg, der zu Freiheit führt statt nur zum Wechsel des Herrschers.</p>
<p dir="auto">Und das ist der Punkt, an dem sich Anarchie von allem anderen unterscheidet. Sie will nicht die richtigen Menschen an die Macht bringen. Sie will die Macht selbst zurücknehmen – auch die eigene.</p>
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